Die Straße der Vulkane
Quito, die Hauptstadt Ecuadors und das Hochland der Anden sind ein ganz besonderes Reiseerlebnis. Henry Jedelsky beobachtete quirlige Städte, karge Hochflächen und Menschen, die selbst in dieser rauen Landschaft die Gastfreundschaft hochhalten.
Die 1098 errichtete Siegessäule auf der Plaza de la Independencia in der Altstadt von Quito erzählt vom erfolgreichen Unabhängigkeitskampf gegen den Vizekönig. Schon seit dem frühen Morgen wird dieser spanisch anmutende Hauptplatz von unzähligen halbwüchsigen Schuhputzern, Müttern mit ihren Töchtern und vielen alten Männern bevölkert. Auffällig viele Polizisten in schmucken Uniformen sorgen für Sicherheit, buntschillernde Kolibris schwirren zwischen den Blumen umher. Sie alle genießen die ersten Sonnenstrahlen nach einer kühlen Nacht, immerhin liegt Quito rund 3.000 Meter hoch an den Osthängen des Vulkans Pinchicha. Der Platz wird von eindrucksvollen Gebäuden umrahmt: vom weißen Präsidentenpalast, von der mächtigen Kathedrale, dem stilvollen Hotel Plaza Grande und dem ehemaligen erzbischöflichen Palais, in dem heute Souvenirläden und gute Lokale untergebracht sind. Am besten isst man im „Mea Culpa“, einem stilvollen Restaurant mit deutschstämmigen Inhabern. Herzhaft schmecken die landestypischen Hors d’oeuvres, danach ordern wir gegrillten Schwertfisch und herrliche Nachspeisen – immerhin ist Ecuador der weltweit zweitgrößte Kakao-Produzent mit der bes-ten Schokoladebasis der Welt. Anschließend kümmert sich ein kleiner Indio für nur 25,- US-Cent um meine Schuhe und schmiert auf das schöne Leder einen glänzenden, schwarzen Brei, den er dann hingebungsvoll auf Schuhe, Socken und Haut einmassiert. Der weitere Weg führt in die nur wenige Schritte entfernte Kirche La Compania de Jesus, einem Höhepunkt kolonialbarocker Kunst. Angeblich sollen sieben bis acht Tonnen Gold bei der Innenausstattung verwendet worden sein. Neuere Forschungen schätzen die Menge aber auf höchstens fünfhundert Kilo Gold und man fragt sich, wer damals an der Differenz wohl verdient hat.
Das Boutiquehotel Patio Andaluz mit seinen 32 Zimmern liegt nur einen Steinwurf vom Hauptplatz entfernt und ist in einem ehemaligen „solares“ untergebracht, einem Altbau, der schon 1592 die Rebelión de las Acabares miterlebt hat. Das Restaurant bietet eine hervorragende Küche, der Antiquitätenshop einen bunten Querschnitt an lokalen Souvenirs und das Internet ist gratis. Leider sind die eingezogenen Zwischenwände so dünn, dass man mit dem Zimmernachbarn buchstäblich mitleben kann. 32 Kirchen, die Künstlerstraße La Ronda und das abendliche Vergnügungsviertel La Mariscal sind weitere Sehenswürdigkeiten, aber der Höhepunkt ist eine Fahrt mit der Teleferiqo-Seilbahn, die einen in etwa zehn Minuten auf den Pinchicha-Vulkan bringt. Der Blick auf die umliegenden, schneebedeckten Vulkane ist zusammen mit der Seehöhe von 4.000 Metern im wahrsten Sinne atemberaubend.
Ein lohnender Ausflug führt von Quito in nordöstlicher Richtung nach Otavalo. Die Taxifahrt dauert etwa drei Stunden und kostet pro Richtung nur rund 45,- US-Dollar. Dort findet jeden Samstag ein großer Tiermarkt statt, von Meerschweinchen und Kampfhähnen wird bis zu Rindern und Lamas alles verkauft. Wesentlich interessanter ist jedoch der große Indiomarkt von Otavalo am Plaza de Ponchos, einem der bedeutendsten Indio-Märkte Südamerikas. Grellbunte Alpaka-Schals, Ponchos oder Decken aus Lamawolle werden neben gegrillten Schweinen, alten Heiligenstatuen und neuen Panamahüten feilgeboten, „fast echte“ Antiquitäten liegen neben rockigen T-Shirts, schöner Silberschmuck glänzt neben zierlichen Vogelaquarellen. Hier nächtigt man am besten in der etwa zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernten 1790 gegründeten Hacienda Pinsaqui, die schon der berühmte Freiheitsheld Simon Bolivar oft besucht hat und dessen Geist noch immer zwischen den Mauern umhergehen soll. Man kann wie Simon Bolivar im Zimmer Nummer Eins nächtigen und sich dabei vorstellen, was er und die begleitenden sechs Damen im nebengelegenen Badezimmer so alles angestellt haben.
Liegt schon Quito mit dem Pinchincha auf der Straße der Vulkane, so weitet sich der Weg in den Süden zur Allee der Vulkane, wie schon Alexander Humboldt festgestellt hat. Wir befahren den berühmten Panamericana Highway. Ununterbrochen erfasst das Auge einen dieser kegelförmigen Bergriesen, die sich wie die Rückenzacken einer Galapagos-Meerechse aneinander reihen. Viele von ihnen sind mit ewigem Eis bedeckt und von grünen Matten umsäumt. Sie ragen steil aus dem kargen Hochplateau in das dunkle Blau des weitgespannten Himmels über den Anden. Einige, wie der Cotopaxi, der Cayambe, der Ruminahui oder der Chimborazo, tragen noch immer ihre alten Inka-Namen.
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