Der Leuchtturm „The Nubble“ thront seit 1879 auf einem schmucken Küstenabschnitt in York im Staat Maine. Obwohl er heute der Öffentlichkeit verwehrt bleibt, dient er doch als schönes Fotomotiv. © Cornelia Buczolich / REISE-aktuell
Ahornsirup, Hummer & Leuchttürme
Zwischen Milchkühen, Bioprodukten, frischem Hummer und pittoresken Hafenstättchen fand Cornelia Buczolich das etwas andere Amerika. Urlaub abseits von Fast Food & Co kann in Neuengland genossen werden – und das am besten im Indian Summer!
In all den sechs Neuengland-Staaten – Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont – ticken die Uhren eine Spur langsamer als im restlichen Amerika. Vielleicht ticken sie aufgrund der ersten englischen Besiedelung ein wenig anders. Oder aufgrund der zahlreichen Schriftsteller, die im Nordosten der USA lebten – hier befinden sich auch einige der Elite Universitäten der „Ivy League“, wie etwa Yale oder Harvard – aber vielleicht ist es auch die Umgebung – die nur so nach frischer Luft, Outdoor-Aktivitäten und regionalen Bioprodukten schreit. Amerika ohne Fast Food & Co? In Neuengland ist das großteils möglich. Wer die kleinen Hafenstädtchen wie Portland, Portsmouth, Kennebunkport oder Perkins Cove bei Ogunquit besucht hat, der weiß, wie frisch und vorzüglich man hier essen kann. Nach Boston brauche man nicht zu fahren, um gut zu essen, so eine Bewohnerin, die auf die Küche in Portsmouth schwört. Das River House in Portsmouth hat nicht umsonst den Contest für den besten Chowder (Kartoffelcremesuppe mit beispielsweise Hummer oder Muscheln) gewonnen. Und in Portland spricht man von einer überaus dichten Restaurantvielfalt. Die besten Küchenchefs der USA ziehen nach Portland, um sich in der wichtigsten Metropole des Bundesstaates Maine selbstständig zu machen. Davon kann man sich selbst überzeugen. Gegessen wird eben überall gerne, aber in Neuengland bitte nur „organic“. Auch große Supermarktketten können während der Fahrt von Boston ins Grüne nur vereinzelt erblickt werden. Eingekauft wird hier auf den „Organic Markets“. Frische Topf- und Schnittblumen zieren die Eingangstüre und im Laden selbst findet man eigentlich alles von Obst über Gemüse, frischen Backwaren – nicht zu vergessen die leckeren Muffins und Banana Breads – Fleisch, Fisch und natürlich den Ahornsirup. Die Staaten im Nordosten der USA sind auch aufgrund ihres Reichtums an frischen Meeresfrüchten bei Gourmetaficionados sehr beliebt. „Lobster Shak“, „Lobster Inn“, „Fresh Lobster“ lesen wir auf den Restaurantfassaden. Ob im Ganzen, auf Salat, im Wrap, im Sandwich oder im Stew – Lobster wird hier zu allem gegessen. Auf Märkten bekommt man ihn frisch für nur 5,- US-Dollar, und im Restaurant um ein vielfaches. Hier lässt es sich leben! Besonders beliebt sind sogenannte „Lobster Cruises“, bei denen die Hummerfallen eingesammelt werden. Urlauber erleben den Fang hautnah mit, und oft kann der frische Hummer in einem Lobster Inn an Land gleich verköstigt werden.
Wer sich wundert, wieso so manche Bäume mit Plastikschläuchen verbunden sind, der befindet sich inmitten eines Ahornsirupproduzenten. Dieser Ahornsirup ist ein reines Naturprodukt – ohne jegliche Zusatzstoffe – und wird am liebsten mit Pancakes und Heidelbeeren gegessen. Die Zeit für die Gewinnung des Harzes ist sehr kurz und so sieht man von März bis April – vor allem in Vermont, dem größten Produzenten für Maple Syrup in der USA – einen Kübel an den Ahornbäumen befestigt. Die Gewinnung an sich ist keine Hexerei und so machen viele Haushalte ihren eigenen Sirup. Für einen Liter Ahornsirup benötigt man etwa 40 Liter Ahornsaft und so einige tüchtige Händchen. Jetzt ist klar, warum er auch liebevoll „liquid gold“ genannt wird.
Tüchtige Händchen werden auch in Vermont, dem „Green Mountain State“ verlangt. Drei Viertel der Fläche ist bewaldet und der Rest ist Heimat von 1.500 Milchkuhbetrieben. Die Einheimischen schätzen vor allem den guten Cheddar und die große Auswahl an Eiscremesorten. Von kleinen Farmen, wie der Thistle Hill Farm bis zur größeren, wie der Billing Farm – überall wird biologische Zubereitung groß geschrieben. Das Bauernhaus von Frederick Billing aus dem Jahre 1890 ganz im Viktorianischen Stil wurde heute mit zeitgetreuen Möbeln eingerichtet. Aufgrund der akribisch geführten Buchhaltung des Farmers konnte das Interieur sehr gut nachgekauft werden. „Please touch,“ nickt uns freundlich unsere Führerin zu. Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich. Dokumente können in die Hand genommen werden, Töpfe begutachtet und Schreibmaschinentasten angefasst werden – bis ins kleinste Detail findet man heute die Wohnung von damals vor. Billing zählte auch zu den ersten Farmern der USA die daheim ein Fax und Kopiergerät besaßen. Ich packe sofort meine Kamera aus, um alles festzuhalten. Heute werden auch gerne Schulklassen eingeladen, um in vergangene Zeiten einzutauchen. Gekocht wird dann ein typisches Mittagessen aus dem 19. Jahrhundert – mit den Kochutensilien von damals.
Die Fahrt geht weiter in eine der wohl schönsten amerikanischen Kleinstädte. Im Reiseführer lese ich nach, dass Woodstock in Vermont (nicht das Woodstock im Staat New York) sogar den Beinamen „The Prettiest Small Town in America“ trägt. GAP und andere bekannte amerikanische Marken sucht man hier vergebens. Kleine, familiäre Boutiquen reihen sich an der Hauptstraße aneinander. 1768 besiedelt, erinnern heute die Häuser im Viktorianischen Stil an vergangene Zeiten. Aufwändig bemalte, schmiedeiserne Zunftzeichen schmücken ein jedes Geschäft, Restaurant oder Café. „The Yankee Bookshop“, „Fine Art Gallery“, „Vermont Flannel & Co“ oder „Woodstock Coffee & Tea – Organic, fair Trade“ lese ich. Eine der typischen überdachten Brücken kann inmitten der kleinen Stadt bestaunt werden. Diese Kleinode wurden gebaut, um den Holzboden vor dem Faulen zu schützen. Aber auch kleine Dorffeste konnten wettersicher abgehalten werden. Heute zählen sie zu den Fotomotiven von Touristen. Ich spaziere weiter und atme die frische Luft ein, bleibe beim Fußgängerübergang stehen, doch die Autos kommen mir zuvor. In Neuengland sind die Leute sehr freundlich, aufmerksam und warmherzig.
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